Auschwitz-Überlebende berichtete

„Was wir von Ihnen über Auschwitz erfahren haben war herzbewegend und zerreißend. Danke, dass sie noch immer an diese schrecklichen Taten erinnern, damit sich die Schande nicht wiederholt“, sagte Gregor Bockrath (Klasse 9a) zum Ende der Zeitzeugenveranstaltung. Die Holocaust-Überlebende Erna de Vries (93) hatte vor Ratsschülern und Schülern des Meller Gymnasiums über ihr Schicksal berichtet.

 

Über das „Meller Kreisblatt“ hatten beide Schulen auch interessierte Bürger zu diesem einzigartigen Vortrag eingeladen. „Da ist mehr als Klassenstärke “, freute sich Ratsschulleiter Ludger Jansen über die vielen Senioren. So hörten rund 480 Besucher im Städtischen Festsaal zu. Was sie erlebte und wie sie überlebte berichtete Erna de Vries nach der Einführung ins Thema durch Michael Gander, Geschäftsführer der „Gedenkstätte Augustaschacht“ in Hasbergen-Ohrbeck.

 

Fehlende Bühnentechnik in der Ratsschule

Auf der Bühne in der Ratsschule wäre so eine Veranstaltung aus technischen Gründen nicht möglich gewesen. Anders als Schulträger wie der Landkreis Osnabrück, der seinen Schulen eine ordentliche Bühnenausrüstung zugesteht, engagiert sich die Stadt Melle in dieser Angelegenheit bei uns weniger. Erna de Vries hätte auf dem unbrauchbaren Podium der Ratsschule im Dunkeln sitzen müssen. Dennoch: Wir durften den Städtischen Festsaal nutzen.

 

Jansen: Häftlinge waren nur eine Nummer

Dort sagte Schulleiter Ludger Jansen in seiner Begrüßung: „Alle Juden, die nicht sofort nach der Ankunft in den Konzentrationslagern ermordet wurden, denen haben die SS-Schergen auf eine ganz einfache Weise ihre Würde genommen: Sie hatten keinen Namen mehr – diese Häftlinge wurden nur noch mit einer Nummer angesprochen. Unser heutiger Gast war damals gezwungen, auf die Nummer 50462 zu hören. Die Nummer wurde ihr nach der Ankunft im Lager auf den Unterarm eintätowiert. So, wie Ihr es auf der Leinwand sehen könnt. Umso mehr freue ich mich, dass wir sie hier in Melle mit ihrem Namen begrüßen dürfen: Herzlich willkommen Erna de Vries!“

Weiter dankte Jansen dem Gymnasium und dessen Fachobfrau für Geschichte, Sabine Hettlich, für die wiederholt gute Kooperation.

 

Erna de Vries wollte der Mutter ins Konzentrationslager folgen

Der Abschied war schmerzvoll. Auf der Lagerstraße von Auschwitz sah Erna de Vries zum letzten Mal ihre Mutter. Die junge Erna sollte als Halbjüdin ins KZ Ravensbrück verlegt werden. Ihre Mutter blieb in Auschwitz. „Du musst überleben und erzählen, was die Nationalsozialisten mit uns gemacht haben“, gab sie dem jungen Mädchen mit auf den Weg.

Doch das Leiden und die Unterdrückung begann für beide schon vor dem Zweiten Weltkrieg.

Weil ihre Mutter Jüdin war, kam Erna de Vries in eine sogenannte Sonderklasse für jüdische Schüler. Damals hieß sie noch Erna Korn. „Jude war ein Schimpfwort. Darunter habe ich sehr gelitten. Meine Zeugnisse in der Schule wurden dadurch schlechter“, berichtete sie. Plötzlich stürmten Jugendliche die „Sonderklasse“ mit den Juden. „Die schubsten unseren Lehrer und schlugen uns“, so de Vries, „auf dem Schulhof haben sie sich versammelt und riefen im Chor: „Juden raus!“

Der Vater war schon 1931, also zwei Jahre vor Hitlers Machtergreifung gestorben. An ihrer Mutter hing Erna sehr. Jeanette Korn sollte 1943 ins Lager deportiert werden, Erna aber nicht. Sie war eine sogenannte „Halbjüdin“. Doch Erna bettelte mitzukommen, sie wollten ihre Mutter nicht allein gehen lassen.

 

Erst Auschwitz, dann ins KZ Ravensbrück

Gemeinsam kamen sie nach Auschwitz, Erna wurde später ins KZ Ravensbrück verlegt. Dort seien die SS-Wachen nicht ganz so brutal mit den Häftlingen umgegangen. Dennoch berichtete de Vries auch über Grausamkeiten in diesem Lager.

Kurz vor Kriegsende wurden die Häftlinge evakuiert. Auf den Straßen trafen sie in unendlich langen Fußmärschen auf Trecks mit Häftlingen aus dem KZ Sachsenhausen oder Flüchtlingen aus den Ostgebieten. Erna de Vries wollte im Straßengraben vor Erschöpfung fast aufgeben. Das hätte den sicheren Tod durch Erschießung bedeutet. Eine Freundin ermutigte sie: „Du hast bis hierher durchgehalten. Das schaffen wir.“ Und plötzlich sah sie auf und alle Wachen waren aus dem Blickfeld. Feige geflüchtet vor den nahenden Soldaten der Alliierten. Überall machte sich Jubel breit. „Wir lagen uns in den Armen. Wir waren frei.“ Genauso plötzlich endete auch der Vortrag von Erna de Vries

 

„Meller Kreisblatt“ drehte Video

Reporter Marek Majewsky berichtete für das „Meller Kreisblatt“ über die Veranstaltung von Gymnasium und Ratsschule. Der Journalist drehte auch ein Video. Auf der Homepage der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gibt es die vier Minuten lange Videozusammenfassung im Stream: http://www.noz.de/video/30399/zeitzeugin-und-holocaust-berlebende-erna-de-vries-zu-besuch-in-melle

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