Zeitzeuge: Vom Vater in die DDR entführt

Thomas Raufeisen besuchte eine Schule in Hannover, bis er als 17-Jähriger von seinem Vater in die DDR entführt wurde. Das war 1979. Der Vater war Spion im Westen und drohte aufzufliegen. Über sein neues Leben in der DDR-Diktatur berichtete er im Städtischen Festsaal vor Ratsschülern und Schülern des Meller Gymnasiums.

Ein bisschen spielte der Zufall mit, dass Thomas Raufeinsen in Melle zu Gast war. Ludger Jansen, Leiter der Ratsschule, erwähnte die Studienfahrt einer 10. Klasse nach Berlin. Die besuchte den Folterknast der DDR-Staatssicherheit im Stadtteil Hohenschönhausen. Dort begleitete Thomas Raufeisen die Jugendlichen aus Melle durch die Zellen. Zum Ende der Führung gab er seine Visitenkarte an eine Lehrerin weiter und wies auf seine Zeitzeugenvorträge hin.

Ratsschule und Gymnasium Melle organisierten die Veranstaltung in Kooperation mit der Volkshochschule Osnabrück. Deren Geschäftsführer Dr. Carl-Heinrich Bösling lobte die bewährte Zusammenarbeit der beiden Schulen. Er hatte die Veranstaltung mit Fördermitteln der „Bundesstiftung Aufarbeitung“ unterstützt. Bösling war mehrfach beteiligt, meist mit dem Gast Sally Perel („Hitlerjunge Salomon“).

Unter einem Vorwand lockte der Ingenieur und DDR-Spion Armin Raufeisen seine Familie in die DDR. Der Großvater sei schwer erkrankt. Nach ein paar Tagen wolle die Familie zurück nach Niedersachsen fahren – wie schon so oft zuvor.

Tatsächlich reiste Armin Raufseinen nicht zu den Großeltern, sondern in ein konspiratives Haus der Staatssicherheit, dem DDR-Geheimdienst. Für den hatte er im Westen seit vielen Jahren Wirtschaftsspionage betrieben. Dort eröffnete er mit den Stasi-Schwergen seiner Familie: „Wir bleiben hier. Ihr werdet Bürger der DDR.“ Thomas Raufeisen fühlte sich „wie im Schockzustand“. Statt buntem Leben in Hannover lebte er nun in der Tristesse des Arbeiter- und Bauernstaates.

Sein Abitur sollte Thomas Raufeisen nun an einer DDR-Vorzeigeschule in Berlin machen. Dennoch: Die empfand er alles andere als modern. Der bauliche Zustand war im Vergleich zur heilen Welt in Hannover ein Desaster. Raufeisen zeigte auf der Leinwand die Bilder vom miserablen Zustand der Schule. Diese Bilder waren für Jugendliche, die in einem Gebäude in Trägerschaft der Stadt Melle lernen müssen, allerdings nicht ganz so ungewöhnlich wie gedacht.

In diesem „Staat“ wollte Raufeisen nicht länger bleiben. Er plante mehrere Fluchtversuche. Unter anderem wollte er via Budapest in den Westen. Sein Vater, inzwischen auch des DDR-Systems überdrüssig, nutzte sein Agentenwissen, um mit dem Geheimdienst der USA, dem CIA, Kontakt aufzunehmen. Doch die Stasi bekam Wind davon. Mit 19 Jahren wurde Raufeisen zu drei Jahren Haft verurteilt, die er bis 1984 vollständig absitzen musste. Im Anschluss bewilligte ihm die DDR den Ausreiseantrag in die Bundesrepublik.

Ino Warner aus der Klasse R10a bedankte sich im Namen der Meller Schüler mit einem Präsent bei Raufeisen. Dabei betonte Ino wie wichtig es sei, dass nachfolgende Generationen das DDR-Unrecht nicht vergessen.

Auch für 2019 planen Ratsschule und Gymnasium Melle wieder eine Zeitzeugenveranstaltung. Wenn alles klappt, dann wird Erna de Vries bereits zum dritten Mal auf der Bühne im Festsaal von ihrem Schicksal im Konzentrationslager Auschwitz berichten.

Hier nachzulesen: Artikel des Meller Kreisblatts zur Veranstaltung

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